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Der Holocaust auf dem Territorium der UdSSR

Il’ja A. Al’tman Hg.:
Kholokost na territorii SSSR (Der Holocaust auf dem Territorium der UdSSR). Ėnciklopedija, Moskva (Rosspen = Rossijskaja politicheskaja Ėnciklopedija, 117393 Moskva, Profsojuznaja 82) ISBN 978-5-8243-1296-6, 1138 S., Verzeichnis der Mitarbeiter, Verzeichnisse der Abkürzungen, Sigel und Archive; Auflage 1000 Stück

Das Werk bezieht sich auf mehrere der inzwischen vorliegenden Holocaust-Enzyklopädien, insbesondere auf die von Walter Laqueur und Judith Tydor Baumel herausgegebene: The Holocaust Encyclopedia, Princeton/NJ. 2001, die 2005 ins Russische übersetzt wurde und vom Holocaust-Zentrum in Moskau als unvollständig angesehen wird. Die hier vorgelegte Enzyklopädie wurde von Beiträgern aus den ehemaligen Mitgliedsländern der UdSSR sowie aus den USA und Israel verfasst; die meisten und alle größeren Lemmata sind gezeichnet und enthalten teilweise ausführliche  Literaturverzeichnisse und vor allem Archivhinweise, jedoch keine Anmerkungen. Viele Fotos ergänzen den Text.

Die Enzyklopädie bietet Stichworte zu Orten, Personen und Institutionen. Beispielsweise schreiben I. Ė. Elenskaja und E. S. Rozenblat über Kossovo, eine Stadt im nach 1921 polnischen und 1939 von der UdSSR okkupierten Gebiet, in der 1931 etwa 2.200 Juden 1ebten. Die Stadt wurde 25.Juni 1941 besetzt; im August 1942 wurde sie von Partisanen erobert, wobei 200 Juden befreit wurden – an anderen Orten wurden jedoch 1.800 Juden aus Kossovo  von deutscher Polizei unter Mitwirkung belorussischer Polizei und belorussischen „Selbstschutzes“ umgebracht. G. Rejkhman schreibt über G. L. Rozenblat, der Kommandeur eines jüdischen Zuges in der Partisaneneinheit Kovpak war, 1945 nach Israel ging und dort mehrere Bücher zum Partisanenkrieg publizierte. Ein ungezeichneter Artikel informiert über die Panzergenerale Matvej und Evsej Weinrub, welche den sowjetischen Angriff im Weichsel-Oder-Raum Anfang 1945 führten in dessen Verlauf Auschwitz befreit wurde. I. A. Al’tman schreibt über spezielle jüdische Partisaneneinheiten und über Juden in allgemeinen Partisaneneinheiten. Er kommt auf 70 jüdische Einheiten mit etwa 4000 Kämpfern und zählt insgesamt 17.500 jüdische Partisanen.

Auch Politiker werden in Hinblick auf den Holocaust in der UdSSR aufgeführt,  etwa Raul Wallenberg; Boris L. Vannikov, Volkskommissar für Rüstung; und Semen M. Dubnov, Historiker des Judentums, 1922 aus der UdSSR emigriert, 1933 aus Berlin nach Riga umgezogen, ermordet Dezember 1941. Ein anderes Beispiel: Isaak S. Zal’cman, Volkskommissar für Panzerbau und Mitorganisator der Massenfertigung der schweren sowjetischen Tanks ab 1942. Ein ungezeichnetes Lemma über L. N. Kaganovich notiert: „aktiv am stalinistischen Terror beteiligt … Unter seiner Leitung erfüllte das Eisenbahnsystem der UdSSR effektiv die schwierigen Aufgaben des Krieges … , die Verwandten in der Ukraine wurden Opfer des Holocaust … Ende 1950er, Anfang 1960er verlor er Regierungs- und Staatsämter und wurde aus den Partei ausgeschlossen.“

Besonders aktuell ist ein längerer Aufsatz von I. A. Al’tman und A. S. Frenkel über Denkmale (Pamjatniki). Außer dem bekannten Denkmal in Minsk wurden nach 1945 noch eine ganze Reihe anderer Denkmale mit jiddischer Inschrift auf Kosten lokaler Spender errichtet. Später allerdings forderten Bürgermeister und andere zunehmend, solche Denkmal auf den Friedhöfen zu errichten. In den fünfziger Jahren verschwanden auf vielen, aber nicht allen Denkmalen an öffentlichen Plätzen die Hinweise auf die jüdische Ethnizität,  jiddische Sprache etc.. Das war abhängig davon, wie mutig und wie erfolgreich sowjetische Bürger sich engagierten – in Minsk z. B. blieb der jiddische Text, aber neue Denkmale galten umfassend „Sowjetbürgern“ o. ä.. Dies änderte sich ab den 80er Jahren, heute gibt es eine eigene Internetsite (www.holomemory.ru ) , über welche das Auffinden von Plätzen des Massenmords und der Aufbau von Denkmalen organisiert werden kann.   

Die Herausgeber nennen im Vorwort einige wichtige deutsche Autoren zum Holocaust in der UdSSR (Dieter Pohl, Christian Gerlach, Andrej Angrick, Christoph Ditzmann). I. I. Kovtun bezieht sich in dem Lemma über die Waffen-SS sowohl auf das Buch von G. Kopp über die SS, das in russischer Über-setzung vorliegt, als auch auf M. Wildt’s „Generation der Unbedingten“ , womit die deutschsprachige Forschung über dessen Literaturverzeichnis zugänglich ist (auch wenn Wildt’s Thema eigentlich das Reichssicherheitshauptamt ist). A. I. Kruglov schreibt das Lemma über die Einsatzgruppen jedoch ohne Nachweise von Literatur, und V. D. Kulishov schreibt das Lemma über Galizien, ohne sich auf Dieter Pohl oder Thomas Sandkühler zu beziehen. D. A. Zhukov schreibt über Wehrmacht und Judenmord und bezieht sich auf Hannes Heer, dessen Buch ins Russische übersetzt wurde, und auf „Schöne Zeiten“ von Klee, Dressen und Ries, nicht aber auf Gerd Ueberschär oder Wolfram Wette. Wichtig ist jedoch, dass Zhukov und Kovtun auf Archivmaterialien verweisen. Der ungezeichnete, einspaltige Artikel über Hitler beruht auf Fest, dessen Buch ins Russische über-setzt wurde. Lohnt solcher Eintrag? Fragen wie die, ab wann es das Ziel Hitlers  war, die Juden nicht nur zu vertreiben, sondern zu ermorden, bleiben ungestellt.  Dass insgesamt die Kooperation mit deutschen Wissenschaftlern nicht intensiver gesucht wurde, ist bedauerlich. Am augenfälligsten wird das in der etwas unbe-kümmerten Bebilderung, die wenn man so will den wissenschaftlich ergiebigen Streit um die Bilder vom Krieg, welche sich in Deutschland an die „Wehrmachtsausstellung“ anschloss, verschlafen hat.  

Die Leistung der Enzyklopädie insgesamt ist beeindruckend. Wer sich über den Holocaust auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR informieren, Bekannte in einer belorusssichen oder westrussischen Stadt – sagen wir in Glubokoe oder Staraja Russa – besuchen möchte oder zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges bzw. des Massenmordes an den Juden überhaupt arbeitet, der wird an diesem Hilfsmittel genau so wenig vorbei gehen, wie an der Gesamtdarstellung, die Ilja Altman vorgelegt hat – oder auch den Büchern von Sandkühler, Gerlach und Pohl in deutscher Sprache.

                            Hans-Heinrich Nolte

 
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