Adresse: 115035, Russland, Moskau, Sadovnicheskaya St. 52/45
Russisches Forschungs-und Bildungszentrum "Holocaust"
(map).
Fernruf/Fax: (499) 995-21-82, (495) 953-33-62
E-mail: center@holofond.ru
English Русский

Erklaerung des Russischen Juedischen Kongresses, des Zentrums und Fonds „Holocaust“ , des Moskauer Bueros fuer Menschenrechte zur Entfernung der Gedenktafel an die Opfer des Holocaust in Rostow am Don

Erklaerung des Russischen Juedischen Kongresses, des Zentrums und Fonds „Holocaust“ , des Moskauer Bueros fuer Menschenrechte zur Entfernung der Gedenktafel an die Opfer des Holocaust in Rostow am Don
13. Dezember. In diesem Jahr ist es 70 Jahre her, dass der Holocaust auf dem Gebiet der UdSSR seinen Anfang nahm. An den Staetten der Hinrichtung wurde der Opfer gedacht und Denkm?ler errichtet, Litauen erklaerte das Jahr 2011 zum Jahr des Holocaust und in Kiew fanden unter Beteiligung der Regierung Trauerfeiern statt, und auch in vielen Staedten Russlands wurde des Holocaust gedacht. In Ljubawitschi (Region Smolensk) wurde mit gemeinsamen  Bemuehungen juedischer und christlicher Organisationen am 10 November eine Gedenkstaette eingeweiht. Umso erstaunlicher sind daher die Ereignisse an der Smijowskaja balka (Schlangenschlucht) bei Rostow am Don, dem sogenannten „russischen Babij Jar“ .
Im Oktober 2004 unterschrieb der Buergermeister einen Beschluss ueber die Errichtung einer Gedenktafel mit der Inschrift: “Am 11 und 12 August 1942 wurden hier 27 000 Juden von  den Nationalsozialisten ermordet.  Dies ist die groesste Holocaustgedenkstaette in Russland.“ Die Gedenktafel wurde mit Mitteln der juedischen Gemeinde  aufgestellt. Aber am 29 November 2011 wurde -  erstmals in der neueren  Geschichte Russlands -  der Text durch die sowjetischen Standardformulierungen von den “friedlichen sowjetischen Buergern“ ersetzt. Laut Beschluss der Stadterwaltung lautet die neue Aufschrift „ Hier in der Schlangenschlucht wurden im August 1942 von den Hitlerokkupanten mehr als 27 000 friedliche  Rostower Buerger und sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Unter den Getoeten waren Angehoerige vieler Nationalitaeten. Die Schlangenschlucht stellt auf dem Gebiet der UdSSR den Ort der groessten Massenerschiessungen sowjetischer Buerger durch die faschistischen Eroberer im Grossen Vaterlaendischen Krieg dar“
An diesem Schreckensort liessen Menschen verschiedener Nationalitaeten ihr Leben. Die ersten getoeten waren Kriegsgefangene der Roten Armee, die gezwungen wurden, die gigantischen Graeben auszuheben. Ein russischer Mann folgte seiner Frau an den Todesort : nun liegen die armenische Mutter mit ihren Kinder und ihrem Mann in demselben Grab.  Hier wurden auch die Rostower Untergrundkaempfer und die Patienten der psychiatrischen Klinik umgebracht. Wir verneigen uns im Gedenken an alle Opfer der Faschisten und ihrer Helfer (ueber die der Text schweigt.) Aber dieser Hinrichtungsort der nazistischen Sonderkommandos wurde ausdruecklich mit dem Ziel der Vernichtung der Juden gewaehlt, und die Juden wurden nur aus dem Grund umgebracht, weil sie Juden waren.
Es ist von symbolischer Bedeutung, das gerade in der Mitteilung der Prawda vom  Februar 1943 ueber die Rostower Tragoedie das Wort „Jude“ erstmalig durch „ friedliche Sowjetbuerger „ ersetzt wurde. Das zeigt, wie weit diese Tradition  in die Vergangenheit der sowjetischen Presse reicht. Fuer das Recht, die  Nationalitaet der Hauptopfer von Babij Jar und anderer Erschiessungsorte beim Namen zu nennen traten hervorragende Kulturschaffende und Dichter ein,  wie der Dichter Jewgenij Jewtuschenko, Anatolij  Kuznetzow, Viktor Nekrassow, der Komponist Dimitrij Schostakowistch u. a..  Russland gehoerte zu den Initiatoren des internationalen Holocaustgedenktages: die gesamte zivilisierte Welt erkennt die Tatsache des Holocaust an.  Es geht nicht darum, die juedischen Opfer auszusondern, sondern die Gefaehrlichkeit der nationalsozialistischen Ideologie und ihrer Konsequenzen aufzuzeigen, denn jedes beliebige Volk kann zum Opfer eines Genozids werden.
Der Beschluss, der am Vorabend der Gedenkfeierlichkeiten anlaesslich der 70 Jahrestages der Tragoedie von Rostow gefasst wurde ist befremdlich. Im August 2012 werden sich bei der Einweihung des Denkmals in der Schlangenschlucht mehrere hundert Menschen aus der ganzen Welt versammeln, um das Gedenken an die Opfer des Holocaust und aller, die hier waehrend des Grossen Vaterlaendischen Krieges starben, zu bewahren.
Wir fordern, dass in allernaechster Zeit eine Inschrift wiederhergestellt wird, die der historischen Wahrheit gerecht wird.
Der Praesident der REK
J. I. Kanner
 
Druckversion